Im Interview: Philipp Vandenberg
Quelle: Verlag Bastei-Lübbe



Philipp Vandenberg gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern Deutschlands. Bereits mit seinem ersten Buch Der Fluch der Pharaonen landete er einen Welterfolg. Seine detaillierten Kenntnisse über Kirchengeschichte und seine spannende Erzählweise machen ihn zum "Meister des Vatikan-Thrillers". Im Interview erzählt er von der Recherche zum seinem neuen Roman, über sein Alltag als Schriftsteller und seinen großen Kindertraum.

Was hat Sie zu dem Roman inspiriert?

Wie so oft in meinen 31 Büchern bin ich über dieses Thema beinahe gestolpert. Ich war mit meiner Frau Evelyn beim Karpfenessen in Würzburg und konnte nicht umhin, einen Blick in die Neumünster-Kirche zu werfen, die auf dem Weg lag. Nicht weil ich so fromm wäre, o Gott nein! - aber Klöster und Kirchen lösen eine beinahe magische Anziehungskraft auf mich aus. Vermutlich hat dies seinen Ursprung bei Franziskanerinnen und Benediktinern, deren Erziehung zu genießen ich das zweifelhafte Vergnügen hatte.
In der Neumünster-Kirche entdeckte ich ein Epitaph, einen Gedenkstein, an dem der Künstler, Tilmann Riemenschneider, den oberen Teil offenbar nach Vollendung abgesägt und durch einen neuen ersetzt hatte. Der Gedenkstein erinnerte an den Abt Johannes Trithemius, von dem ich bisher nur als Schwarzkünstler und Magier gehört hatte. Zusätzlich habe ich auf dem Stein ein paar Darstellungen entdeckt, die man durchaus als verschlüsselte Hinweise deuten kann.
Das klingt richtig spannend, aber wie kamen Sie in diesem Zusammenhang auf Die Frau des Seiltänzers?
Ich habe schon lange an einem Thema über den größten Seiltänzer der Welt im Mittelalter gearbeitet. Nebenbei gesagt, ich recherchiere immer an drei Büchern gleichzeitig, bis ich zwei liegen lasse und mich ganz auf das eine stürze. In diesem Fall war es anders: Das Epitaph des Trithemius erwies sich auf einmal als Bindeglied zwischen dem Seiltänzer-Thema und einem weiteren angedachten Thema, den "Büchern der Weisheit". Von ihnen ist in alten Chroniken, aber auch im modernen "Handlexikon der magischen Künste" die Rede. Es handelt sich dabei um geheime Bücher, in denen alle Künste und Entdeckungen von den alten Ägyptern bis ins Mittelalter aufgezeichnet sind. All das zusammengenommen fügte sich plötzlich auf wunderbare Weise zu einem Thema.

Abgesehen von der Recherchearbeit, wie lange schreiben Sie normalerweise an einem Buch?

In der Regel ein halbes Jahr. Jeden Tag, auch sonntags, mindestens drei Seiten. Diesmal etwas länger.

Angeblich hassen Sie Computer und schreiben mit der Schreibmaschine. Stimmt das?

Schreibmaschine? Pfui Deibel! Ich schreibe noch immer mit der Hand, mit nichts anderem. Ein Journalist, der besser rechnen kann als ich (das war schon in der Schule meine größte Schwäche, vor allem, weil ich statt den Zahlen 1, 2, 3 immer eins, zwei, drei geschrieben habe), hat ausgerechnet, dass ich in meinem Autorendasein mehr als zwanzigtausend Seiten mit der Hand geschrieben habe.

Das ist eine ganze Menge. Gibt es einen Grund, warum Sie lieber mit der Hand schreiben?

Ich kann nun mal jede Art von mechanischer oder elektronischer Schreibgeräte nicht ausstehen, seit ich in jungen Jahren nach abgebrochenem Studium von einem auf den anderen Tag Journalist werden musste - ohne Schreibmaschinenkenntnisse. Das zu verheimlichen, war nicht einfach. Zum Glück hat es keiner gemerkt. Ich konnte mich immer mit mindestens einer Sekretärin über Wasser halten.

Zurück zu Ihrem neuen Buch. Die Zeit des Mittelalters dürfte Ihnen beim Schreiben nicht fremd gewesen sein.

Ich weiß, worauf Sie anspielen. Wir haben 13 Jahre als Zweitwohnsitz auf einer mittelalterlichen Burg, genaugenommen der längsten Burg Europas, in Burghausen gelebt. Dazu gehörten eine echte Folterkammer im Keller und ein Schlossgeist, den wir Edelbert getauft haben, wenn er wieder mal sein - nachweisbares - Unwesen trieb. Ich habe in Burghausen mein humanistisches Abitur gemacht uns es war immer mein Kindertraum einmal auf dieser Burg zu leben, wenn ich es mir leisten könnte.

Sie sind bekannt für die Exaktheit Ihrer Recherchen. Das Magazin FOCUS schrieb, Ihre Bücher seien Reiseführer in die Vergangenheit. Was bezwecken Sie damit?

Vorschlag: Nehmen Sie mein neues Buch, irgendein Kapitel, irgendeine Ortsbeschreibung. Sie werden feststellen, es stimmt. Sogar die Zahl der Stufen eines Treppenaufgangs oder der Blick aus einem Fenster des Klosters Eberbach. Nennen Sie es eine Marotte, aber für mich ist es die Voraussetzung, meine fiktiven Szenen in der Realität zu verankern.

Und wie halten Sie es mit den Figuren in Ihrem Roman?

Meine Hauptfiguren sind stets fiktiv. Die Nebenfiguren sind meist historischer Natur. Damit erreiche ich eine gewisse Glaubhaftigkeit meiner Geschichte.

Welche Nebenfigur hat Sie in Die Frau des Seiltänzers besonders fasziniert?

Keine Frage - "Seine kurfürstliche Gnaden" Albrecht von Brandenburg. Ein Playboy geistlichen Stades, der Reliquienknöchelchen und Frauen sammelte. Den hätte ich nicht besser erfinden können.

Das klingt alles so einfach. Die Geschichten und Szenen scheinen Ihnen zuzufliegen. Dabei gibt es beim Schreiben sicher auch Probleme, von denen der Leser keine Vorstellung hat.

Die gibt es in der Tat. An diese Schwierigkeiten denkt der Leser nicht und soll es auch gar nicht. Meine Bücher erscheinen in 34 Sprachen, in Chinesisch ebenso wie in Japanisch, in Russisch wie in Bulgarisch. Ich muss beim Schreiben also an meine Übersetzer denken und darf keine Vergleiche bringen, die außerhalb des deutschen Sprachraums unverständlich sind. Auch mit den typischen deutschen Umlauten wie Ä, Ü und Ö in Eigennamen muss ich sparsam umgehen. Das sind nur wenige Beispiele, es gibt noch viel mehr.

Übersetzungen in 34 Sprachen - das ist sehr beeindruckend. Wie ist es möglich, dass ein deutscher Autor in Ländern wie Russland oder China solchen Erfolg hat?

Das frage ich mich manchmal auch. Aber dann bin ich einfach nur glücklich wenn ich erfahre, dass meine Auflagen in Russland weit höher sind als in Deutschland.

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